Kategorie-Archiv: Pfarrblatt

Mitteilungsblatt Juli – August 2017

Die Bikini-Figur

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Der Ruf nach dem Neuen ist allgegenwärtig. Ständig werden neue Dinge ersonnen, wird Neues angeboten. Neue Säfte, neue Autos, neue Computersysteme, neue Kühlschränke, neue Kommunikationsmittel, neue Ideen, neue Parteien. Niemand will altern. Der Körper wird einem ständigen Erneuerungsprozess unterworfen. Von den Zähnen bis zu den Zehen wird alles in einem fort auf Hochglanz gebracht. Neue Gelenke werden eingesetzt, die Gesichtshaut wird gestrafft, alle Welt läuft mit gefärbten Haaren herum. Für den kommenden Sommer wird mit Eindringlichkeit daran gearbeitet, eine passable Badefigur hinzukriegen. Jung und Alt will sich jugendlich präsentieren, schlank, frisch und frei von Ablagerungen aller Art.

Die Kirche ist alt. Zweitausend Jahre hat sie schon auf dem Buckel. Aber auch sie will jung sein. Auch sie ist auf der Suche nach der Bikini-Figur. Denn vielfach steht sie doch recht nackt vor den Leuten, und es wird an ihrer Figur in einer Tour herumgemäkelt. Die einen finden sie zu knochig, nur auf Regeln und Gesetzen beharrend. Den anderen ist sie bei weitem zu mollig, angepasst an die Unsitten der Gegenwart und viel zu nachgiebig. Wieder andere diagnostizieren die Infizierung der Kirche durch eine Art HIV, da es ihr an Widerstandskraft fehle. In dieser Situation versucht sich die Kirche eine Bikini-Figur zuzulegen, sie gibt sich frisch und munter, voller Lebensfreude und die Hände jubelnd in die Höhe gestreckt. Für einen Sommer wird’s schon reichen. Dann sehen wir weiter.

Mir fällt immer mehr auf, wie sehr das Motiv des Neuen die Kirche von Anfang an begleitet. Die Verkündigung Jesu ließ alles wie neu erscheinen. Der Blick auf Gott war offen und unverstellt. Der Blick auf die Welt war frisch. Alles erschien in einem bis dahin nicht gekannten Glanz. Von diesem Neuen ging eine große Faszination aus. Eine der schönsten Erneuerungsgeschichten ist für mich jene am Schluss des Johannesevangeliums, wo Jesus den Jüngern erscheint. Die Jünger hatten „aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen“. Da sie selber ja auch Juden waren, hatten sie offenbar auch Furcht vor sich selber. Da gab es eine Menge alter Rechnungen, die sie unbeglichen mit sich herumtrugen. Sie waren wie versteinert. Da haucht sie Jesus an und sagt zu ihnen: „Empfangt Heiligen Geist.“ Und weiter, wörtlich übersetzt: „ Wem ihr die Sünden loslasst, dem sind sie losgelassen, wem ihr sie festhaltet, dem sind sie festgehalten worden.“ (Joh 20, 19-23) Hier ist von einer neuen Schöpfung die Rede. Sie besteht darin, dass ich andere loslassen kann, sie in Freiheit setzen kann. Ich kann sie allerdings auch festnageln, sie an das Gewesene ketten. Dann bleibt alles beim Alten. Das Neue kommt, wenn ich freigebe, wenn ich andere, was immer sie mir angetan haben mögen, in Freiheit entlasse. Darin besteht die Bikini-Figur der Kirche. So bleibt sie immer jung.

Einen schönen Sommer!                                                  Gustav Schörghofer SJ

Mitteilungsblatt Juni 2017

“Wirbel machen”,

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das muss man heute scheint’s, wenn man beachtet werden will – getreu dem Slogan aus der Werbebranche: ‚Wer nicht auffällt, fällt durch!‘ Für Christen stellt sich die Frage: Wofür tun wir das überhaupt? Uns kann es nicht darum gehen, viel Wirbel um nichts zu machen – nur um aufzufallen, nur um bei der Stange zu halten, nur um attraktiv zu sein. Das Wirbeln an Pfingsten ist mehr als Schall und Rauch. Pfingsten ist untrennbar verbunden mit dem Wirken des Heiligen Geistes. Gottes Geist macht Wirbel, rüttelt wach und bewegt. Lassen wir uns hineinziehen in diesen Wirbel? Lassen wir uns ergreifen, von diesem heiligen Durcheinander? Kann ich es zulassen und annehmen, dass Gottes Geist mein Leben durcheinanderwirbelt, dass er mit seiner Kraft und Energie meine Lebenspläne durchkreuzt? Wer sich auf die Bewegung des Geistes einlässt, kann selber Wirbel machen, ohne in inhaltsleeren und blutlosen Aktionismus zu verfallen. Gottes Geist bewegt uns, damit wir etwas bewegen – als einzelne Christen genauso wie als Gemeinschaft der Kirche:

Von Papst Franziskus könnte er stammen, dieser Satz: Eine Kirche, die sich nicht bewegt, bewegt nichts! Drei Gedanken dazu:

  1. Eine Kirche bewegt nichts – sie ist durch nichts und niemanden in Bewegung zu setzen. Sie bleibt starr und statisch, lässt sich nicht verändern, will alles nur bewahren und verwalten. Der Heilige Geist möge sie anrühren und bewegen! Würde Kirche und würden wir Christen doch dem mehr Vertrauen schenken, was durch den Heiligen Geist bereits angestoßen und angefangen wurde: Das II. Vatikanum, der Dialog mit den anderen Kirchen und Religionen, die Weltjugendtage, die Bischofssynode zu Fragen der Familie… Eine Kirche, die sich von solchen Aufbrüchen durcheinanderwirbeln und bewegen lässt, bewegt sich und bewegt etwas.
  2. Eine Kirche bewegt nichts – sie bewegt gesellschaftlich oder politisch nichts. Sie bewirkt keine Veränderung, führt keine Besserung herbei, verhindert ein Fortschreiten auf das Reich Gottes hin. Der Heilige Geist möge sie hinweisen und leiten! Würde die Kirche und würden wir unseren Eifer doch mehr in die Bemühungen um Gerechtigkeit, um Frieden und um die Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Die Papstschreiben „Laudato si“ und „Amoris laetitia“ ermutigen zu sehr konkreten Schritten. Eine Kirche, die auf diese Weise nach dem Reich Gottes sucht und sich bewegen lässt, bewegt sich und bewegt etwas.
  3. Eine Kirche bewegt nichts – sie lässt sich nichts zu Herzen gehen, sie hat ihr Ohr nicht am Puls der Zeit, sie kümmert sich nicht um die Nöte der Menschen. Der Heilige Geist möge sie aufmerksam und sensibel machen! Würde die Kirche und würden wir doch die Sätze umsetzen, die wir oft beten: “Mache uns offen für das, was die Menschen bewegt, dass wir ihre Trauer und Angst, ihre Freude und Hoffnung teilen.” Eine Kirche, die sich Gott und den Menschen öffnet und sich bewegen lässt, bewegt sich und bewegt etwas.

Wenn Kirche – und genauso jeder einzelne Christ – sich so vom Heiligen Geist bewegen lässt und auf diese dreifache Weise Wirbel macht, dann zeigt sie, was wichtig ist: Der pfingstfrohe Einsatz für Glaube, Hoffnung und Liebe.

Pater Philipp Görtz SJ

Mitteilungsblatt Mai 2017

Die größere Liebe

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Heute, am 19. April, schneit es. Der Schnee fällt nicht sacht und leise, sondern ein Flockenschwall nach dem anderen wird vom Wind vor sich her getrieben und gegen die Erde geworfen. Die Dolden der Fliederblüten hängen schwer. Und was wird aus dem Grapefruitbaum, der heuer zum ersten Mal blüht? Was wird aus den fünfstrahligen weißen Blüten, aus ihrem feinen Duft? Kälte, Schnee und Sturm sind unbarmherzig und zerschlagen das zarte Leben. Schönheit ist im Schneegestöber und im Flieder, im Sturm und in den Blüten der Grapefruit. Und das Leben? Das Leben wird erstehen aus Schneegestöber und Sturm, schöner als sie und größer als sie. Es gibt eine größere Liebe.

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15,13) Doch, es gibt sie, diese größere Liebe. Wäre es mit der Hingabe des Lebens vorbei, hätte der Tod das letzte Wort, hätten Kälte, Schneegestöber und Sturm den Sieg davongetragen. Doch das Leben kehrt wieder. Nicht als Sieger, der triumphal und laut seinen Einzug feiert, nicht als Mächtiger, der seine Überlegenheit zelebriert. Das Leben kehrt in Blüten, Knospen, zarten Trieben wieder, es kehrt wieder in verletzlichen kleinen Wesen, in schwachen, schutzbedürftigen Geschöpfen. Die größere Liebe wendet sich diesem Leben zu.

Wer sich aufmacht, Jesus zu entdecken, wird in ihm die größere Liebe entdecken. Denn die Hingabe des Lebens geschah nicht, um dem Tod das Feld zu überlassen, sondern um dem Leben einen neuen Raum zu schaffen. Dieses Leben wird dem Verbrecher zugesagt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Es wird Maria und Johannes zugesagt: „ Sieh, dein Sohn. Sieh, deine Mutter.“ Es wird denen zugesagt, die sich eingeschlossen haben: „Friede sei mit euch.“ Dieses Leben beginnt im Kleinen persönlicher Zuneigung und Liebe und geht ins Weite, Große: „Halte mich nicht fest. … Geh zu meinen Brüdern …“ Es beginnt in ratloser Trauer und gibt sich in unscheinbaren Gesten zu erkennen: „ … als er das Brot brach.“ Es blüht aus der Erfahrung verzweifelten Schmerzes auf: „Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite.“

Ich will mir die Grenzen meiner Welt nicht von Sorgen, Ängsten und Nöten vorgeben lassen. Ich will aufs Meer schauen, auf eine Weite, die dem Kleinen Raum gibt, ins Offene, das dem Verletzlichen Schutz gewährt, einer Stille gewärtig sein, die dem zartesten Laut, der feinsten Bewegung weitesten Resonanzraum schenkt. Die größere Liebe lehrt mich, aufs Meer zu schauen, auch noch aus dem Allerengsten ins Offene zu finden, ins Weite, in die Stille. Der Auferstandene begegnet immer von jenseits des Todes. Die größere Liebe sagt mir, es gibt ein Leben, das größer ist als der Tod – und hinter den dünnen Mauern meiner kleinen Welt ist das Meer. Die größere Liebe sagt mir: Es ist nur eine Haaresbreite von mir.

Gustav Schörghofer SJ

Mitteilungsblatt April 2017

Los vom Kreuz

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Kreuze und Kruzifixe markieren immer noch Orte, die einst christliches Territorium waren. In Schulen, Krankenhäusern und Gerichtssälen werden sie aber immer mehr in Frage gestellt. Der Staat muss sich in Ausübung seiner Hoheit neutral gegenüber Religionen verhalten. Daher ist das Symbol christlicher Religion im Gerichtssaal fehl am Platz. In öffentlichen Schulen lässt sich darüber reden, ob in den Klassenräumen Zeichen der Religionen zu sehen sein sollen. Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft werden selbstverständlich Kreuze in den Zimmern hängen haben. Warum eigentlich? Warum sollen Kreuze an den Wänden hängen?

Das Kreuz erinnert an eine große Tradition abendländischer Kultur. Es erinnert an die christlichen Ursprünge dieser Kultur. Selbstverständlich tut uns heute eine Erinnerung an die Ursprünge europäischer Kultur gut. Sie ist dringend notwendig, da wesentliche Elemente dieser Kultur in Frage gestellt werden. Aber helfen Kreuz und Kruzifix dabei? Sie sind Zeichen. Das Kruzifix zeigt, dass Gott den Weg in die Welt hinein bis zur äußersten Konsequenz seiner Menschwerdung gegangen ist. Er hat den Tod erlitten, einen schrecklichen, gewaltsamen, schmählichen Tod. Er ist Verbrechern gleich geworden. So einen Gott Tag für Tag vor Augen zu haben, ist keine leichte Sache. Die Christen haben sich längst an seinen Anblick gewöhnt. Die Nichtchristen erinnern sie nun an das Schreckliche dieser Erscheinung.

Das Kreuz ist von alters her ein Siegeszeichen. Das leere Kreuz zeigt, dass hier einer losgekommen ist. Er ist abgenommen und begraben worden. Und – das ist der Kern des christlichen Glaubens – er ist auferstanden von den Toten. Als Siegeszeichen muss das Kreuz aber erst neu entdeckt werden. Früher sind Heere hinter dem Zeichen des Kreuzes ausgezogen. Staatliche Macht wurde unter das Zeichen des Kreuzes gestellt. Doch das ist längst vorbei. Gott sei Dank, sage ich. Um welchen Sieg kann es heute gehen? Es gibt ein Jenseits des Todes. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Es gibt ein Leben nach dem Ende.

Christinnen und Christen leben ihr Leben grundsätzlich als ein Leben nach der Niederlage, nach dem Tod, nach dem Untergang. Mit Christus sind wir durch den Tod hindurch in ein neues Leben gegangen. Wir haben den Tod hinter uns und die Liebe vor uns. Freilich muss diese Botschaft im Alltag mühsam buchstabiert werden. Aber durch Zeichen der Versöhnung, Gesten der Zuwendung, Übung der Aufmerksamkeit werden aus Buchstaben Wörter, aus Wörtern Sätze und schließlich Erzählungen, Romane, Dichtungen. Das Zeichen des Kreuzes erinnert daran, dass wir losgekommen sind vom Kreuz. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Uns ist die Sprache neu geschenkt worden, eine Sprache des Lebens und der Liebe. Was sagen wir nun?

Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden.

Gustav Schörghofer SJ

Mitteilungsblatt März 2017

Ins Wasser gehen

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Jeden Sommer meiner Kindheit verbrachten wir an einem See. Als ich etwa sieben oder acht Jahre alt war, ging ich eines Tages immer weiter ins Wasser hinein. Es reichte mir bis zur Brust, bis zum Hals, schließlich bis zum Mund. Dann habe ich den Boden unter den Füssen verloren und entdeckt, dass mich das Wasser trägt. So habe ich Schwimmen gelernt. Ich habe gelernt, den festen Boden unter den Füssen zurückzulassen. Wie das gelungen ist, wundert mich manchmal. Offenbar habe ich früher schon die Erfahrung gemacht, dass ich gehalten und getragen bin, dass mir nichts passieren kann. So konnte ich den Boden unter den Füssen aufgeben und entdecken, dass das fremde Element mich trägt.

Ich, noch kein Jahr alt, in den Armen meiner Mutter. Ich als Kind an der Hand meines Vaters. Ich als Einjähriger am Tisch vor der mit einer Kerze verzierten Torte, auf einem Sessel stehend, die Rechte auf dem Tisch, die Linke heftig bewegend. Allein auf dem Bild, im Sonnenlicht des 5. März 1954, auf der Plattform des Trompeterturms, die Stadt weit unter mir. Und dabei sehr entschieden und munter. Die Eltern standen ja vor mir, unsichtbar auf dem Foto aber mir gegenwärtig. So ist es geblieben. Die Eltern, die Schwester, viele Menschen um mich herum sind unsichtbar geworden, bleiben mir aber gegenwärtig. Und sagen mir immer neu: Du wirst getragen, dir kann nichts passieren.

Wer nicht bereit ist, den Boden unter den Füssen zu verlieren, wer nicht bereit ist, Liebgewordenes aufzugeben, wird nicht lernen zu schwimmen. Er wird nicht die Erfahrung machen, in einem Element zu leben, das ihn trägt. Ich werde getragen. Wenn ich aber mit dem Gold all meiner Sicherheiten ins Wasser gehe, dann geh ich zugrunde. Wenn ich nicht Besitz und Eigenes loslasse, werde ich die Erfahrung des Getragenwerdens nicht machen. Auch die Einteilung der Menschen in Freund und Feind, in Zugehörige und Fremde fallen eines Tages weg. Ich kann das Terrain der klaren Einordnungen verlassen und entdecke, die Gemeinschaft der Anderen trägt mich und ist voller Wunder.

Alle Menschen kommen aus einer großen Geborgenheit. In der Begegnung mit ihnen kann ich ihnen einen Hauch dieser Geborgengeit weitergeben, in guten Gedanken, in Worten, in aufmerksamen Gesten. Ich gehe immer tiefer ins Wasser hinein und entdecke, das Wasser trägt. Schließlich habe ich keinen Boden mehr unter den Füssen und alles losgelassen. Doch das Wasser trägt. Es trägt alle, die sich ihm anvertrauen. Alle, die ins Wasser gegangen sind. Das Wasser trägt. Wenn ich das weiß, habe ich Gott gefunden.

Gustav Schörghofer SJ

Mitteilungsblatt Februar 2017

Jesus entdecken

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Im christlichen Glauben geht es primär nicht um Spiritualität, Transzendenz, Beziehung zum Überirdischen, Erfüllung von Geboten und Anerkennung einer höchsten Herrschaft Gottes, also um all das, was normalerweise mit Religion in Verbindung gebracht wird, sondern um eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Wo diese Beziehung gefunden wird, lebt und wächst der Glaube. Wo sie nicht gefunden wird, wandelt sich Glaube zu religiös motiviertem Denken und Handeln. Religion aber ist ambivalent, sie kann Leben fördern oder vernichten. Der Jesus Christus der Evangelien ist religionskritisch. Seine Lehre führt in das religiös motivierten Denken und Handeln unterscheidende Kriterien ein. Wer als Glaubender in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus steht, wird den Forderungen der Religion kritisch begegnen. Kritisch bedeutet, diesen Forderungen gegenüber ein unterscheidendes Denken anzuwenden.

Das entscheidende Kriterium einer Unterscheidung ist, ob Leben gerettet oder vernichtet wird. Wird durch das Denken, Reden und Tun Lebensraum eröffnet oder verengt? Wird neues Leben ermöglicht oder verweigert?

In den säkularisierten Kulturen Europas herrschte bis vor kurzem die Vorstellung, Religion sei ein Phänomen, das langsam verschwinden werde. Doch ist das Gegenteil eingetreten. Religion beherrscht immer mehr das öffentliche Bewusstsein. Daran wird sich in Zukunft nichts ändern. Es zeigt sich allerdings, dass Religion ein äußerst vielfältiges und vieldeutiges Phänomen ist. Von der Spiritualität  selbstverliebter Erlösungssucher reicht sie bis in die Bereiche gewalttätiger Fanatiker. Es genügt nicht, einen Sinn für Transzendenz zu haben, an etwas Übersinnliches zu glauben oder sich Geboten Gottes blind zu unterwerfen. Es genügt nicht, religiös oder nicht religiös zu sein. Wie kann ich in der gegenwärtigen Situation unterscheiden und das erkennen, was die Mystik den Willen Gottes nennt? Eine Möglichkeit, und ich denke die entscheidende, ist, Jesus zu entdecken, ihn in unserer Zeit neu zu entdecken.

Vielfach wird heute von kirchlicher Seite das Verschwinden des Glaubens beklagt. Wer sagt aber, dass ein Verschwinden traditioneller Formen von Religionsausübung gleichzusetzen wäre mit einem Verschwinden des Glaubens. Wäre es nicht denkbar, dass Glaube, eine persönliche Beziehung zu Jesus, heute in ganz anderer Weise zum Ausdruck kommt als in früheren Jahrhunderten? Möglicherweise steht einer Neuentdeckung Jesu auf Seiten der Kirche gerade eine auf überkommene Formen fixierte Wahrnehmung entgegen. Wie kann ich Jesus heute neu entdecken? Darum wird es in diesem Jahr gehen.

Gustav Schörghofer SJ

Mitteilungsblatt Jänner 2017

…von sehr großer Freude erfüllt

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Ein kleines unscheinbares Ereignis brachte an Weihnachten vor 70 Jahren Glanz in die Stadt, die immer noch vom Krieg gezeichnet war. Franz Pollheimer aus der Josefstadt berichtet davon, dass seine zwei kleinen Buben neben bescheidenen Spielsachen auch weiße, lange Nachthemdlein vom Christkind geschenkt bekommen hatten. Einige Tage nach dem Heiligen Abend wollte der Ältere sein Nachthemd als ein Unterkleid für ein Königskostüm verwenden und erbat sich von seiner Mutter einen bunten Königsmantel dazu. Aus einem Fahnentuch fertigte sie einen Umhang und versah den Saum mit alten Goldborten. Eine bunte Schärpe um die Mitte sowie eine vom Buben selbst gebastelte goldene Papierkrone vervollständigten den kindlichen Königsornat. Der Jüngere wollte seinem Bruder in nichts nachstehen und ließ sich von seiner Mutter als Prinz verkleiden. Als die beiden kleinen Könige beim Spielen das Wohnzimmer zum Thronsaal verwandelten und die Eltern sie schmunzelnd betrachteten, sagte Frau Pollheimer ganz beiläufig zu ihrem Mann: “Wenn wir nun einen dritten Buben hätten, könnten sie miteinander sternsingen gehen.” Sie sollte nicht im Mindesten ahnen, was sie damit einst auslösen würde. In der Nachbarschaft wurde ein dritter Bub aufgetrieben und eingekleidet. Franz Pollheimer, der das Sternsingen aus seiner Obersteirischen Heimat kannte, sorgte sich darum, dass ein paar Lieder herbeigeschafft und erlernt wurden. Seine Frau bastelte noch einen goldenen Stern. Und dann machte sich die kleine Gesandtschaft auf zu den Nachbarn. Es muss eine freudige Überraschung gewesen sein. Viele Menschen waren damals vor Freude gerührt und dankbar, dass ihnen die Buben singend und spielend eine frohe Botschaft brachten. Sie trugen den Stern in die Welt und machten damit das Wien der Nachkriegszeit ein klein wenig heller.

Was mit den Pollheimers im Winter 1946/47 begann, fand in den Jahren darauf Anklang in den umliegenden Pfarren. Man sammelte für einen sozialen Zweck, anfangs für den Wiederaufbau des Wiener Stephansdoms. Seit 1954 organisiert die Katholische Jungschar das Sternsingen. Die Dreikönigsaktion ist mittlerweile die größte jährlich stattfindende Hilfsaktion in Österreich – 2016 wurden 16,7 Mio Euro „ersungen“. Unter dem Motto „Kinder helfen Kindern“ unterstützt die DKA mit den gesammelten Spenden rund 500 Projekte in 20 verschiedenen Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika. Neben dem Geld darf allerdings nicht vergessen werden, dass heute rund 85.000 Kinder singend von Haus zu Haus ziehen, den Segen Gottes zu den Menschen bringen und die Frohe Botschaft in der Welt verkünden.

Auch bei uns in der Pfarre sind jedes Jahr viele Jungschar-Kinder und andere, begleitet von Jugendlichen unterwegs. Bei Wind und Wetter ziehen sie durch die Straßen von Lainz und Speising, gehen zu jedem Haus und klopfen an jeder Tür. Sie sind ein lebendiges Zeichen dafür, dass die Botschaft der Liebe sich voller Freude und Begeisterung auf den Weg macht – eine Botschaft, die unsere Stadt, unser Land, ja die ganze Welt verwandeln will in das Licht und den Glanz eines Kindes, unseres Herrn und Gottes, Jesus Christus, dessen Erscheinung wir am 6. Jänner feiern.

P. Philipp Görtz SJ

Mitteilungsblatt Dezember 2016

In der Nacht

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Manchmal wache ich auf, mitten in der Nacht. Es ist still, sehr still, nie dunkel. Es wird nicht mehr dunkel in unseren Städten. Auf dem Land vielleicht, in fernen Tälern, auf Bergen, da verschlingt das Dunkel alle Gestalt. In der Stadt ist immer Licht. Ich liege wach und weiß: Ich werde nicht mehr einschlafen. So stehe ich auf, braue Tee und lese und bete. Dann schlafe ich wieder. Verdrossen stehe ich auf, froh lege ich mich nieder. Wie kann es sein, dass in dieser kurzen Zeit eine wunderbare Freude entsteht?

Die Nacht gilt als Ort der Ungeheuer. Verbrechen geschehen im Dunkel, und wer Unrecht tut, scheut das Licht. In der Nacht werden die Dämonen auf uns gehetzt, die bösen Geister quälender Heimsuchungen. Doch mir begegnen in der Nacht auch die guten Geister. Der Daimon der Griechen war nicht böse, er hielt im Inneren des Menschen den Weg offen und warnte vor Verirrungen. Hellsichtig zeigte er, welcher Weg nicht zu gehen war. Sokrates gehorchte seinem Daimon. Doch ich erfahre noch mehr. In der Nacht ahne ich die Ankunft einer neuen Welt. Mir ist es immer wieder so, als würde ich an etwas rühren, das groß und wunderbar in der alltäglichen Welt bereits gegenwärtig ist, aber nicht wahrgenommen, nicht erkannt wird. In der Nacht kommt es mir nahe. Warum in der Nacht?

Wer aufwacht in der Nacht, ist fern der anderen Menschen, die schlafen in warmen Betten oder unter Brücken. Er ist allein und doch auf geheimnisvolle Weise mit vielen verbunden, die wachen wie er. Was es heißt zu erwachen, aufzuwachen, das ist auch am Tag zu erfahren. Doch am schönsten ist diese Erfahrung in der Nacht zu machen, wenn ich aus dem Dunkel von Schlaf und Traum auftauche ins Dunkel der nächtlichen Welt. Und nächtlich ist die Welt auch dort noch, wo viele Lichter brennen. Wachend kann ich die Gegenwart anderer erfahren. Ich kann die Ankunft einer Botschaft erleben. Denn nichts lenkt ab, keine Übermacht des Sichtbaren und des zu Hörenden. Ich bin offen für das, was auf mich zukommt.

Advent bedeutet Ankunft, Entgegenkommen. Die Nächte des Advent bereiten uns auf eine Ankunft vor. Sie und alle Nächte unseres Lebens können uns daran erinnern, dass wir immer Wachende sind, immer Ausschau halten, immer auf etwas ausgerichtet, das uns aus dem Jenseits der Fakten unseres alltäglichen Lebens entgegenkommt. Sie erinnern uns daran, dass wir im Argen sind und der Heilung bedürfen. Und sie lassen erfahren, dass Heilung geschieht. Sie geschieht mitten im Alltag, im Gewöhnlichen unseres Lebens, oft unerkannt, unerhört. Die in der Nacht Wachenden sind hellsichtig und hellhörig dem zugewandt, was auf sie zukommt. Die Ankunft des Heilands geschieht in der Nacht. Das ist der Grund meiner Freude.

Gustav Schörghofer SJ

Mitteilungsblatt November 2016

Wir finden immer

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Wenn von Dingen des Glaubens die Rede ist, kommen immer wieder die Sehnsucht und das Suchen ins Spiel. Sehnsucht nach Gott, Sehnsucht nach erfülltem Leben, Suchen nach Sinn, nach Liebe – die Sehnsucht treibt voran, von einem zum anderen, eine nie endende Suche. Nie wird die Sehnsucht gestillt. Nie kommt die Suche an ein Ende. Der Suchende kommt nie an. Vom eigenen Ungenügen ausgefüllt wirken die Suchenden wie jene unscheinbaren Ballbesucherinnen, die nie zum Tanz aufgefordert werden, die nie Beachtung und Bewunderung finden, die sich mit einem Leben am Rand schon längst abgefunden haben und doch eine stille Glut in sich bergen, eine verborgene Sehnsucht, dass es einmal noch anders komme. Selbstverständlich spielt im Glauben die sehnsüchtige Suche eine große Rolle. Was aber, wenn sie zur Gewohnheit wird? Wenn ich gar nicht mehr merke, dass ich immer wieder auch finde? Jede intensive Suche führt in die Fülle des Findens. Was geschieht mit mir, wenn mir die Fülle dessen bewusst wird, was ich in meinem Leben gefunden habe und täglich neu finde?

Die Bibel ist vor allem ein Buch des Findens. Gott findet sich ein Volk, er findet dieses Volk immer neu. Das Volk Israel findet Befreiung, es findet ein Land, es findet immer wieder Hilfe und findet immer wieder zurück zu Gott. Die Hauptbeschäftigung Jesu ist das Finden. Die Gleichnisse vom Himmelreich kreisen um das Finden. Der Schatz im Acker und eine kostbare Perle werden gefunden. Das verlorene Schaf und verlorenes Geld werden gefunden. Jesus findet die Apostel, er findet die Menschen in Not, die Kranken, die Leidenden, die an den Rand der Gesellschaft Gedrängten. Er findet seine Gegner und er findet zuletzt auch seinen Tod. Das Finden Jesu hat etwas Kreatives, es zeigt, wie wunderbar er mit den Gegebenheiten der Welt umgehen, sie gestalten konnte. Da immer gefunden wird, geht von Jesus ein Glanz aus, als würde er ständig die Freude eines Festes in sich bergen. Er findet Schönheit dort, wo andere nur Dreck sehen, er findet Glauben dort, wo andere nur Ungenügen wahrnehmen, Fülle, wo andere nur Mangel erkennen. Das Finden Jesu hat etwas Sieghaftes.

Die Verwandlung meines Lebens kann durch Teilnahme am Finden Jesu geschehen. Ich kann mich in die Schule seiner Hellsichtigkeit, seiner Hellhörigkeit begeben. Der November eignet sich wunderbar dazu, im Grau den Zauber nie wahrgenommener Farbnuancen zu entdecken, im Dunkel das Bergende zu genießen und im Nieselregen das nie endende Entgegenkommen einer behutsamen Gnade zu ahnen. Und vielleicht bekommt auch der Satz „Sie hat den Tod gefunden“ ein ganz neues Gewicht. Denn in ihm wird gesagt, dass sich jemand als Suchender auf sein Ende zubewegt und das ihm Begegnende schöpferisch gestaltet. Dann ist auch hier ein Fest zu finden, eine nicht zu sagende Erfüllung.

Gustav Schörghofer SJ

Mitteilungsblatt Oktober 2016

Wieder am Beginn

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Ich höre eben die Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach und erinnere mich an einen Sommer vor vielen Jahren. Damals habe ich diese Musik entdeckt, bei einem Freund am Attersee. Die anderen lagen unten am Wasser. Ich bin im Haus geblieben und habe einige Schallplatten gefunden, eine Aufnahme der Suiten mit Pablo Casals. Mit wachsendem Staunen habe ich eine Schallplatte nach der anderen angehört.

Vor Jahren war ich bei den Kleinen Schwestern eingeladen. Auf einem Tisch lagen ein paar Kastanien, die eine der Schwestern von einer Wanderung mitgebracht hatte. Sie waren noch in ihren grünen Schalen. Durch einen Spalt schaute mich das wunderbare Braun an, als öffnete sich die stachelige Frucht einem Auge gleich. Im Einfachen ist eine wunderbare Schönheit zu entdecken. Diese Entdeckung verdanke ich den Kleinen Schwestern, und jedes Jahr freue ich mich seitdem auf die Zeit der Kastanien. Dann nehme ich mir die nicht geborstenen Früchte nach Hause oder bring sie Freunden als Gastgeschenk mit. Die stachelige Kugel tut sich auf und umfangen von einer weißen Hülle schaut mich das Innere an.

Irgendwann einmal habe ich aufgehört, in Gott und Jesus Christus einen Vorwurf an mein Leben zu sehen, die Aufforderung, anders zu sein, ein Besserer zu sein als ich es bin. Ich habe entdeckt, dass Jesus mir entgegenkommt, nicht einem, der besser ist als ich, sondern mir, so wie ich bin und gerade dort, wo ich bin. Wenn ich dort bin, wo ich bin, und wenn ich so bin, wie ich bin, dann laufe ich dem Entgegenkommenden nicht davon, dann erfahre ich das Entgegenkommen Jesu, wie es nun einmal geschieht. Es geschieht in der gesammelten Gegenwart des Einfachen. Es geschieht dort, wo ich mich vom Wunsch, etwas zu haben, frei gemacht habe. Es geschieht dort, wo ich mich vom Wunsch, ein anderer zu sein, frei gemacht habe. Es geschieht also dort, wo ich bei mir bin, ganz einfach bei mir bin. Die Cello-Suiten und die Kastanien helfen mir dabei. Die Vögel helfen mir dabei, die Menschen in der U-Bahn und die vielen, denen ich Tag für Tag in der Pfarre begegne.

Die große Entdeckung dieses Sommers war für mich, dass der Zugang zu allen Wundern im Einfachen zu finden ist. Ich verstehe die Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach nicht. Aber ich weiß, dass sie einfach sind und mit vollendeter Einfachheit gespielt werden müssen. Ich verstehe die Kastanien nicht. Aber was mich hier anblickt, vor meinen Augen geschieht, das führt mich ins Einfache, macht mich einfach. Das Entgegenkommen Jesu ist mir völlig unbegreiflich. Es erreicht mich im Einfachen. Ich kann es nur staunend geschehen lassen. Doch damit fängt es ja an. Damit wird alles neu.

Gustav Schörghofer SJ

 

Mitteilungsblatt September 2016

Die Mulde der Hingabe

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Die Steinplatte ist etwa einen Meter lang, 70 cm breit und 6 cm dick. Der Stein ist weiß, ein schö-ner Marmor, vielleicht aus Laas. Die Platte bildet die letzte Stufe zu einer Tür, die den Kreuzgang des Brixner Doms mit dem Kircheninneren verbindet. Wer aus dem Dom kommt, tritt auf die Schwelle und über den weißen Marmor und zwei Treppen kommt er in den Kreuzgang. Schön ist es, den Weg in beide Richtungen zu gehen. Immer kommt man aus einer zauberhaften Welt in ei-ne andere. Aus der reichen Bilderwelt des späten Mittelalters tritt man unter den rauschhaften Jubel eines barocken Himmels. Aus dem weiten Raum der Kirche kommt man unter die niedrigen Gewölbe des Kreuzgangs, aus der dichten Geborgenheit in eine bergende Weite. Lange hätte ich so hin und her gehen können. Immer über den weißen Marmor.
Viele sind über den weißen Marmor gegangen. Er ist fast völlig durchgetreten. Die zahllosen Schuhe und Füße haben 5 cm des Steins abgetragen. Eine Mulde ist entstanden. Immer neues Gehen über eine Schwelle, immer neues Eingehen in einen Raum, immer neues Hineingehen in eine Zone des Gebets, der Ehrfurcht, des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe. Eine Mulde des Ver-trauens, eine Mulde der Hingabe. Der Stein legt Zeugnis ab. Er spricht nicht nur von Vergange-nem, er weist auch in die Zukunft. Wer hier geht, vertraut sich dem Alten an und weiß, es wird ihn in Zukunft begleiten. Was gewesen ist, macht Zukunft möglich.
Verwurzelung bedeutet, um die eigene Herkunft zu wissen und in dieser Herkunft die Ermögli-chung von Zukunft zu erfahren. An das erste Jahr meines Lebens kann ich mich nicht erinnern. Doch ist dieses erste Jahr in mir, das Wissen um eine große Liebe, um Weite und Geborgenheit. Was ich erfahren habe, ist in mir gewachsen, so weit, dass ich es weitergeben kann. Ich kann nicht in mein erstes Jahr zurück, aber ich erwarte hinter jeder Tür neue weite Räume der Liebe und Ge-borgenheit. Ich erwarte sie, weil es die Räume meines Inneren sind. So gehe ich durch Tür und Tür, immer neu über Schwellen. Weil ich aus der Liebe komme, gehe ich auf die Liebe ein. Ich will nicht ohne die anderen gehen, nicht ohne die Menschen, nicht ohne die Geschöpfe und Dinge dieser Welt. Ich will mit ihnen gehen.
Wie viele Menschen waren es, die über den Stein gegangen sind? Wie viele Tiere sind über ihn gegangen? Staub und Wind haben den Stein abgearbeitet. Der Stein liegt offen. Er gibt sich preis. Er lässt sich aufzehren. Si consuma sagen die Italiener. Er konsumiert sich. Nicht wir ihn, sondern er sich für uns. Die Mulde der Hingabe. Konsum lässt sich auch ganz anders verstehen, als wir es heute gewohnt sind. Die Alternative zur Konsumgesellschaft ist eine andere Konsumgesellschaft. Der September ist im Besonderen der Schöpfung gewidmet. Vielleicht lässt sich vom Stein im Brixner Kreuzgang manches lernen.
Gustav Schörghofer SJ

Mitteilungsblatt Juli und August 2016

Der Sommer ist schön

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Was heißt das: Jesus entdecken? Jesus hat sich nicht mit sich selber beschäftigt, er war nicht auf der Suche nach sich selbst. Er hat das gesucht, was verloren war. Er hat sich auf die Suche nach den Menschen am Rand der Gesellschaft gemacht, er hat wahrgenommen, was übersehen wurde, die kleinen Dinge, die unansehnlichen Lebewesen, die Verachteten und Übergangenen. In unserer Gegenwart gehört Jesus selber zu ihnen. Er ist in Vergessenheit geraten. Er wird nicht wahrgenommen. Was heißt es, diesen Jesus heute zu entdecken?

Von Berufs wegen müsste ich über diesen „Jesusverlust“ traurig sein. Ich bin es aber nicht. Ich sehe darin eine große Chance. Nur selten in der Geschichte wurde der Kirche eine solche Möglichkeit geboten. Wir können heute die Welt mit Jesus völlig neu entdecken.

Mich fasziniert an Jesus, dass er sich nicht distanziert zur Welt verhält und aus sicherer Entfernung feststellt, dass alles anders werden müsse. Er lässt sich auf die Welt ein. Er erklärt ihr nicht zuerst, was alles verkehrt ist und verbessert werden müsse, sondern er entdeckt in der Welt, in den Menschen dieses Bessere. Es ist ja bereits vorhanden und muss nur zur Entfaltung kommen. Der liebende Blick Jesu auf die Welt entdeckt in ihr eine Schönheit. Er sieht nicht nur die Misere, das Elend, die Erbärmlichkeit und all das Übel. Er sieht inmitten von all dem und verborgen in all dem eine unglaubliche und unfassbare Schönheit. Diese Schönheit spricht er an, diese Schönheit bringt er zur Entfaltung, dieser Schönheit schafft er Raum. Der Beweggrund Jesu für sein Bemühen um die Welt ist eben das.

Jesus entdecken bedeutet daher, die Welt mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören, mit seinen Sinnen wahrnehmen lernen. Werner Bergengruen hat in seiner Grabrede für Reinhold Schneider ein Gedicht des Persers Nisami erwähnt, von Goethe im Westöstlichen Diwan überliefert: alle des Wegs Kommenden schelten auf das stinkende Aas des daneben liegenden Hundes, Jesus aber sagt nur: „Die Zähne sind wie Perlen weiß.“ Diese Geschichte enthält einen wesentlichen Hinweis darauf, wie Jesus die Welt gesehen hat. Er hat nicht verurteilt, gewiss nicht. Er hat aber wesentlich mehr getan. Er hat in den niedrigen Seiten der Wirklichkeit, in dem, was verachtenswert und verwerflich erscheint, eine Schönheit entdeckt. Jesus heute entdecken bedeutet für mich, mit ihm diesen Blick auf die Welt einüben. Schönheit kann ich nicht herstellen. Sie ist bereits da. Ich muss sie bloß entdecken. Ich werde sie entdecken, wenn ich die Welt mit den Sinnen Jesu wahrnehme.

Einen schönen Sommer!                                                            Gustav Schörghofer SJ