Pfarrgeschichte

Geschichte der Pfarre Lainz-Speising

Ein Blick auf den alten Ortsplan von Lainz lässt uns recht den Wandel der Zeiten erkennen. Wo sich heute Villen und großstädtische Wohnbauten erheben, säumten einst inmitten von Wiesen und Ackerland Bauern- und einfache Landhäuser die Feldwege und Dorfstraßen.

Die Gegenwart hat davon nicht viel übrig gelassen. Ein Wahrzeichen aus alten Tagen aber blieb in seinem Bestande erhalten: die altehrwürdige Pfarrkirche! Sie bildet nach wie vor den Brennpunkt des Lainzer Ortsbildes. Lainz und sein Nachbar Speising, eingebettet zwischen Küniglberg und den Hängen des Wienerwaldes, reichen geschichtlich bis in die Zeit der Babenberger zurück. Der Siedlungsbeginn dürfte im 12. Jahrhundert liegen. Damals waren Lainz und Speising kleine Ansiedlungen von Holzfällern und Bauern. Beide Ortschaften hatten enge Beziehungen zueinander. Sie waren ja gemeinsam in Besitz verschiedener adeliger Familien, deren Namen noch heute in Gassenbezeichnungen fortleben (Chrudnergasse, Ratmannsdorfgasse, Sauraugasse).

1609 scheinen Lainz und Speising als gern besuchte Jagdorte des Kaisers Matthias auf. Später gelangten die beiden Ortschaften an die Jesuiten, von diesen an die erzherzogliche Herrschaft von St. Veit. Ursprünglich war Lainz der Pfarre Penzing angeschlossen. Auf dem Platz, wo heute die Kirche steht, befand sich eine hölzerne Säule mit einem Dreifaltigkeitsbild. Ober dieses wurde durch Conrad Sponfelder ein Kirchlein erbaut. Das Jahr 1421 dürfte wohl als das seiner Grundsteinlegung zu bezeichnen sein. Doch scheint der Bau nur langsame Fortschritte gemacht zu haben, da milde Stiftungen für seine Fortführung aus den Jahren 1425 bis 1428 Zeugnis dafür ablegen. Bald nach dieser Zeit wird die Fertigstellung erfolgt sein.

Die Kirche erhielt ihr Patrozinium zur heiligsten Dreifaltigkeit durch die Weihe in einem unbekannten Jahr. Sie führte lange das Dasein einer stillen Dorfkirche.

Nur die beiden Türkeneinfälle von 1529 und 1683 haben auch sie mit starken Schäden umbrandet. Sie waren nach dem zweiten Kriegssturm so bedeutend, dass die Kirche in ihrer alten, uns unbekannten Form abgebrochen und 1736 auf Anordnung “seiner hochfürstlichen Eminenz, des Herrn Kardinal Sigismund v. Kollonitz, Fürsterzbischofs von Wien”, durch einen neuen Barockbau ersetzt werden musste. Im äußeren Bau haben wir einen barocken Landkirchentyp vor uns, im inneren ist sie als ovaler Zentralbau von bedeutender Wirkung gestaltet. Als Maurermeister wird ein Georg Bock genannt. Erst seit dem 18. Jahrhundert hat das Patrozinium zur heiligsten Dreifaltigkeit ein regeres kirchliches und volkstümliches Leben in ihre Räume gebracht. Sie gestaltete sich dank diesem zur Wallfahrtskirche. Die großen Pestepidemien Wiens der Jahre 1679 und 1713, die dank des Schutzes des “allmächtigen und dreieinigen Gottes” die Bewohner von Lainz gänzlich verschonten, hatten die Aufmerksamkeit auf ihre Kirche gelenkt. Die über die schreckliche Pest entsetzte Menschheit hatte sich dem Schutz der heiligsten Dreifaltigkeit anvertraut. Das Volk sah in ihr eine höchste Häufung von göttlicher Kraft, von der allein man Hilfe erhoffen konnte. Es entstanden daher in unserer Heimat vielfach Dreifaltigkeitskirchen, die sich als Palladien gegen diese Geißel der Menschheit erweisen sollten, so das bedeutendste in Sonntagsberg (1490), daneben etwa Karnabrunn (1679), Paura (1714) und andere. Da Wien aber bis zur Pestepidemie von 1679 keine Dreifaltigkeitskirche besaß, wurde dieses kleine, vor den Toren Wiens gelegene Dorfkirchlein bald das willkommene Ziel der von der Pest geängstigten Wallfahrerscharen. Schon 1679 gelobte das Personal des Münzamtes eine jährliche Wallfahrt zum Dreifaltigkeitsheiligtum nach Lainz. Verschiedene Stiftungen in der Kirche erinnern heute noch an die Jubiläen ihrer Wallfahrten. 1703 verbanden sich die Mitglieder der starken Fleischhauer-Innung zu einem Pestgelübde. Dann gesellten sich die Hutmacher dazu. Im 18. Jahrhundert die Buchbinder, die in Lainz ihr beliebtes Buchbinderfest feierten.

Die Fleischhauer verlegten ihren Wallfahrtstag mit Anfang des 19. Jahrhunderts infolge einer kaiserlichen Verfügung bezüglich des Genusses der Fleischspeisen in der kirchlichen Fastenzeit später auf den Mariä-Verkündigungstag. Das war die Glanzzeit der Kirche in Lainz. Aber noch, als die Schwester der Pest, die Cholera, im Jahre 1833 in Wien verheerend herrschte, erinnerte man sich wieder der Seuchenabwehr der Lainzer Dreifaltigkeit. Tatsächlich ist wunderbarerweise in Lainz selbst im Jahre 1832 niemand dieser Krankheit erlegen, auch nicht im Jahre 1836, als sie noch Nachlese hielt. Der Pfarrherr Dom. Huber bestätigt dies.

Wir erwähnen noch, daß die Wiener Dreifaltigkeits-Bruderschaft im 18. Jahrhundert im Juni Prozessionen nach Lainz abhielt. Auch die Pfarre St. Leopold im zweiten Bezirk erschien im 18. Jahrhundert alljährlich mit einem Pilgerzug. Ebenso hatte sich die Gemeinde von St. Ulrich (7. Bezirk) durch ein Pestgelübde zu einer jährlichen Wallfahrt nach Lainz im Jahre 1679 verpflichtet.

Bald nach dem Bau der zweiten Kirche kam das Dreifaltigkeitsbild von van Ros auf den Hochaltar. Vom selben Künstler sind auch die Bilder der Taufe Jesu und der Schmerzhaften Mutter auf den beiden kleinen Seitenaltären. Zwei große Bilder der hl. Mutter Anna und des hl. Expeditus stammen aus dem 18. Jahrhundert. Die Verehrung dieser beiden Heiligen, die man gerne um guten Geschäftsgang und bei schwierigen Prozessen anrief, erklärt sich wohl aus dem starken Zuspruch der Innung von Gewerbeleuten, die solche Heilige nötig hatten.

Nun ist es freilich um diesen fromm-fröhlichen Wallfahrts-Zuzug stiller geworden. Heute kommen noch die Münzer am 6. Sonntag nach Ostern und im September die Hutmacher.

1761 litt das Kirchlein durch einen Sturm. 1809 plünderten es die Franzosen, so daß sich die Kirche längere Zeit im schlechten Zustand befand.

Im 19. Jahrhundert wissen wir um Restaurierungen in den Jahren 1828 und 1853. Im 20. Jahrhundert waren die letzten Renovierungen 1926 und 1939. Es wurden da auch einige bauliche Umgestaltungen getroffen, die den Zeitverhältnissen entsprachen. Das Jahr 1956 ruft uns zur Restaurierung innen und außen. Die große Pfarre würde freilich eine große Pfarrkirche brauchen, doch eine Vergrößerung der Kirche ist nicht möglich, ohne das alte Heiligtum zu zerstören. So helfen wir zusammen, daß das altehrwürdige Heiligtum in neuer Schönheit erstehen kann.

Literatur: Gugitz, Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, Band 1. Wien 1955, S. 86ff.; Gugitz, Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Wien 1956, 3. Bd., S. 264.