Mitteilungsblatt Mai 2017

Die größere Liebe

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Heute, am 19. April, schneit es. Der Schnee fällt nicht sacht und leise, sondern ein Flockenschwall nach dem anderen wird vom Wind vor sich her getrieben und gegen die Erde geworfen. Die Dolden der Fliederblüten hängen schwer. Und was wird aus dem Grapefruitbaum, der heuer zum ersten Mal blüht? Was wird aus den fünfstrahligen weißen Blüten, aus ihrem feinen Duft? Kälte, Schnee und Sturm sind unbarmherzig und zerschlagen das zarte Leben. Schönheit ist im Schneegestöber und im Flieder, im Sturm und in den Blüten der Grapefruit. Und das Leben? Das Leben wird erstehen aus Schneegestöber und Sturm, schöner als sie und größer als sie. Es gibt eine größere Liebe.

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15,13) Doch, es gibt sie, diese größere Liebe. Wäre es mit der Hingabe des Lebens vorbei, hätte der Tod das letzte Wort, hätten Kälte, Schneegestöber und Sturm den Sieg davongetragen. Doch das Leben kehrt wieder. Nicht als Sieger, der triumphal und laut seinen Einzug feiert, nicht als Mächtiger, der seine Überlegenheit zelebriert. Das Leben kehrt in Blüten, Knospen, zarten Trieben wieder, es kehrt wieder in verletzlichen kleinen Wesen, in schwachen, schutzbedürftigen Geschöpfen. Die größere Liebe wendet sich diesem Leben zu.

Wer sich aufmacht, Jesus zu entdecken, wird in ihm die größere Liebe entdecken. Denn die Hingabe des Lebens geschah nicht, um dem Tod das Feld zu überlassen, sondern um dem Leben einen neuen Raum zu schaffen. Dieses Leben wird dem Verbrecher zugesagt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Es wird Maria und Johannes zugesagt: „ Sieh, dein Sohn. Sieh, deine Mutter.“ Es wird denen zugesagt, die sich eingeschlossen haben: „Friede sei mit euch.“ Dieses Leben beginnt im Kleinen persönlicher Zuneigung und Liebe und geht ins Weite, Große: „Halte mich nicht fest. … Geh zu meinen Brüdern …“ Es beginnt in ratloser Trauer und gibt sich in unscheinbaren Gesten zu erkennen: „ … als er das Brot brach.“ Es blüht aus der Erfahrung verzweifelten Schmerzes auf: „Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite.“

Ich will mir die Grenzen meiner Welt nicht von Sorgen, Ängsten und Nöten vorgeben lassen. Ich will aufs Meer schauen, auf eine Weite, die dem Kleinen Raum gibt, ins Offene, das dem Verletzlichen Schutz gewährt, einer Stille gewärtig sein, die dem zartesten Laut, der feinsten Bewegung weitesten Resonanzraum schenkt. Die größere Liebe lehrt mich, aufs Meer zu schauen, auch noch aus dem Allerengsten ins Offene zu finden, ins Weite, in die Stille. Der Auferstandene begegnet immer von jenseits des Todes. Die größere Liebe sagt mir, es gibt ein Leben, das größer ist als der Tod – und hinter den dünnen Mauern meiner kleinen Welt ist das Meer. Die größere Liebe sagt mir: Es ist nur eine Haaresbreite von mir.

Gustav Schörghofer SJ